Facing the Storm
Good for Nothing but Die - Druckversion

+- Facing the Storm (https://facingthestormchaptertwo.de)
+-- Forum: Die Geschehnisse in unserer Welt (https://facingthestormchaptertwo.de/forumdisplay.php?fid=23)
+--- Forum: Farynn - Das Herbstland (https://facingthestormchaptertwo.de/forumdisplay.php?fid=30)
+--- Thema: Good for Nothing but Die (/showthread.php?tid=822)



Good for Nothing but Die - Ivar Lorenson - 14-12-2025

.


Schon seit gestern brachen kleine Wellen die glatte Oberfläche des großen Sees zu Ivars linken Seite. Nebel hatte sich über das Ufer gelegt, der Boden weich und matschig unter den Hufen von ’Pferd’, Ivars Pferd. Ein guter Geselle. War vielleicht morgens etwas schwer aus dem trägen Schritt zu bekommen, weil er auch nicht mehr der Jüngste war, aber zeigte sich bei den felsigen Wegen und den langen Strecken ziemlich unbeeindruckt. Sein Herr war monatelang nicht vorbeigekommen, um ihn abzuholen? Kein Problem, der Stallmeister hatte Ivar deutlich gemacht, dass er jeden Tag für das Durchfüttern seines Freundes hier halt doppelt so viel berechnete als anfangs vereinbart - und Ivar hatte auf die Bezahlung sogar noch ein blaues Auge und den Backenzahn des Stallmeisters oben drauf gesetzt. Genau das hielt er nämlich von Leuten, die er dabei erwischte, seinen wenigen Besitz zu verkaufen und sich dann damit rauszureden, dass der Stall in Westgate ja größer wäre.
Dem Söldner machte das nichts aus, im Freien zu übernachten, im Gegenteil. Er hatte es vermisst mit seinem alten Kumpel Pferd und ein paar Wölfen in den Bäumen allein zu sein, das Feuer vor sich knistern zu hören und sonst weit und breit keiner Menschenseele irgendeine Rechenschaft schuldig zu sein. Die Schönheit der Natur lag in ihrer Rauheit, in ihrem Dreck, der an Ivars Haut unter der Kleidung klebte, an kalten Nächten und feuchten Morgenden, die man für sich und nur für sich allein hatte. In den Bergen, wo man über nassen Kies lief und sein Pferd neben sich führte. In den Wäldern, dunkel und verwunschen im bewölkten Farynn auch im Tageslicht. Auf den weiten Ebenen und den Hügeln mit dem feuchten Gras, egal ob es am Vortag noch geregnet hatte oder nicht.
Kein Wunder, dass sich der Drache ausgerechnet das Herbstland ausgesucht hatte. Es musste einen heiden Spaß machen, im Nebel über den Köpfen derer zu fliegen, die in den letzten Jahrhunderten verlernt hatten, nach oben zu schauen.

Die letzte Menschenseele, die Ivar begegnet war, war ein alter Priester gewesen auf den Weg zu seinem Bergtempel, vor zwei Tagen, als er ihm bestätigt hatte, dass eine der todesmutigen Gruppen vor wenigen Tagen seinen Weg gekreuzt hatte. Todesmutig, weil er zu alt war, Mythen zu jagen, natürlich; weil es eine gewisse Position von Wahnsinn brauchte, um sich auf die Suche nach einem Drachen zu machen. Oder, im Fall von Ivar, einfach nur ein Gespür von Gold, das sich anders in den Händen anfühlte, wenn man dafür waghalsig sein Leben aufs Spiel setzte. Letztendlich hatte er doch nur auf die Chance gewartet, sein Leben dumm herauszufordern - damit Heofaders Arsch sich auch ja nicht darauf ausruhte, sein Ausreißer-Schäfchen endlich in Sicherheit zu wissen.
Der See, der irgendwann am Ende des Horizontes ins Meer münden musste - war es dann überhaupt ein See? - erstreckte sich in einer spiegelglatten Oberfläche zu Ivars und Pferds Linken, seit er in den ersten Morgenstrahlen, die sachte durch die Nebeldecke fielen, sein Lager abgebrochen und das Feuer platt getreten hatte. Die Strahlen waren irgendwann über seinen Kopf gewandert, hatten aber nie die graue Wolkendecke durchbrochen. Es war ein miserabler Tag, und Ivar liebte miserable Tage. Er empfand eine merkwürdige Freude dabei, die langen Gesichter von anderen zu sehen, wenn sie ihre Überkleider enger um ihren Körper schlangen und sich weigern wollten, einen Fuß vor die Tür zu setzen.
Was Ivar auch äußerst amüsierte waren Menschen, die trotz des schlechten Wetters draußen waren und am liebsten jede Sekunde dafür verfluchten, dass sie existierte - so stellte er sich die Gestalt vor, die wenige Meter vor ihm knietief im Wasser stand und einer Beschäftigung nachging, die man im besten Fall als tollpatschiges Fischen bezeichnen konnte. Mit einem Messer in der Hand, das natürlich nicht viel helfen würde, wenn man nicht schnell genug war, einen Fisch aus dem Wasser zu schnappen. Ja, die Frau vor ihm musste ihren Tag auch verfluchen, und Heofader gleich mit dazu. Ob der Söldner der armen Frau zu Hilfe eilen wollte?
Klar, sicher nicht. Der Rücken seines Pferdes, das er nun zum Stehenbleiben anhielt, war viel wärmer als der Matsch unter ihm, und der Blick auf die Frau aus der Höhe gerade richtig, um das Spektakel vor sich gemütlich zu beobachten - bis sie ihn bemerkte oder, noch unwahrscheinlicher, es doch tatsächlich schaffte, so einen Fisch zu fangen.