07-02-2026, 14:15 - Wörter:

Vielleicht sein Gegenüber, der nun ein leichtes Lächeln von dem Händler erntete, ehrlich und im Kerzenschein dunkel durch seine Augen flackernd. Aber welches Lächeln von Keeran war schon nicht ehrlich? Er hatte seine Maske so perfektioniert, dass sich nicht herauslesen ließ, ob das Lächeln an einer scharfen Kante geschliffen war.
“Damit sprichst du uns aus der Seele, Freund.”
Uns, weil er dazu gehörte. Weil er gerne ein Gefühl der Verbundenheit zwischen ihnen schuf, wenn sie am gleichen Strang zogen - aus welcher Motivation auch immer. “Die Frage ist, welcher Akt ist genug Gnade und im Bereich des Möglichen, dass wir alle Seiten zufrieden stellen?”
Keeran nippte an dem Wein und ließ die Frage offen stehen, auch wenn er gedachte, sie später noch zu beantworten. Die herbe Flüssigkeit wärmte seine Brust von innen, war aber auch nur ein künstlicher Glücklichmacher, wenn es doch eigentlich die Präsenz von Tariq war, die ihm wahre Freude bescherte. Mit einem guten, visionären Gespräch hinter geschlossenen Türen konnte nicht einmal der Höhepunkt mit seiner Frau heranreichen. Für den Händler mehr Fachgebiet als alles andere, Überlegungen, die ihn seit Jahren begleiteten und mittlerweile das Erste waren, woran er dachte, wenn er aufwachte, und das Letzte, wenn er zu Bett ging, nickte er Tariqs Worte über ihre Investitionen ab und ließ seinen Daumen nachdenklich über seine Unterlippe wandern, die noch eine letzte Spur der tiefroten Flüssigkeit benetzte.
“Minusgeschäfte sind verkraftbar, wenn sie kurzfristig sind. Aber das Entscheidende ist doch”
, meldete er sich fast etwas zu schnell zu Wort, dieses Mal keine Pause absichtlich nutzend. Seine Augen ruhten wieder auf denen von Tariq. “Es gibt keine Wirtschaft ohne arbeitende Männer. Wir können Arbeiter nicht mit Frauenhänden ersetzen, die obendrein ihre Kinder hüten müssen. Wir können sie auch nicht mit Kindern ersetzen, die nur die Hälfte an Erlös bringen und uns, wenn wir Pech haben, zu schnell durch Verletzungen unserer Gesellschaft auf dem Nacken liegen.”
Dass er von Menschen sprach, als wären sie Güter, war für ihn nicht wirklich außergewöhnlich. Er dachte in Zahlen. Nicht in Zwischenmenschlichkeit. “Ridvan hat unserem Land mit dem Erlass, unsere Männer in den Krieg zwangs zu verpflichten, mehr Schaden angerichtet als mit allen Vorgangsreformen zusammen. Wenn du mich fragst, müssen wir dort anfangen. Ohne Arbeiter kein Kreis, den man stabilisieren kann, und keine Pyramide, auf der man aufbauen kann.”
Seine Stimme hatte etwas an Klarheit gewonnen, als hätte er den Rauch bereitwillig eingedämmt, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Nun entkam ihm der Rauch und verweilte im Raum zwischen ihnen, während er sich zurücklehnte und den Adelssohn beobachtete.Das, nun das war ein Thema, das ihn mit einem seltsamen Interesse füllte, einer Neugierde fast, hatte er Yasirah bisher doch stets als Kollateralschaden abgetan. Wenn Keeran ehrlich mit sich selbst war, betrachtete er die Königin nicht wirklich als Mensch, als wie eine Figur, die es schlau zu bewegen galt. Noch hielten sie die Kontrolle über die Informationen, die aus dem Palast heraus gelangten, doch sie würden nicht ewig jedem vorgaukeln können, dass sich die Königin aus Trauer in ihre Gemächer zurückgezogen hatte. Eigentlich erschloss sich ihm nicht, warum sie am Leben gehalten wurde. Safiyya und Hafiz hatten einen persönlichen Groll gegen sie, er selbst sah mehr ihr Risiko als Potential. Die Chance, ihren Tod mit einem Selbstmord zu erklären, lag auf der Hand. Warum meldete er sich dann nicht zu Wort?
Weil er es genoss, zu sehen, wie zwei gegensätzliche Seiten gegeneinander rieben und sich in die Weißglut treiben. Weil er die Idee des einen gerne zu Ende ausgedacht sah, ehe man sie frühzeitig abwürgte. Mit welchen Konsequenzen auch immer, Keeran konnte nicht umhin, Tariqs Vorstellung in seinem Kopf ein wenig weiter zu spinnen.
“Interessanter Ansatz”
, gab er offen zu, sein Blick auf Tariq ruhend. “Und was macht das aus dir?”
“Überleg mal. Samir frisst dir aus der Hand. Jeder Blinde sieht, dass er dir an den Lippen hängt wie ein Hund. Wenn du Yasirah zur Frau nimmst, was löst es dann bei ihm aus? Er, der den Platz ihres Mannes einnehmen wird und jetzt jede Loyalität braucht, die er bekommen kann - vor allem von dir.”
Keeran schaute auf den Wein hinab, der vollkommen ruhig in dem Glas schwamm. Keine Wellen in der Oberfläche, nichts, das den Stillstand in irgendeiner Weise störte. “Ich gebe zu, Yasirah am Leben zu behalten, würde uns das Wohlwollen deiner Familie in Abu Kabir garantieren. Es ist besser, sie in der Tasche zu wissen, wenn es so viele andere Stellen gibt, an denen wir arbeiten müssen. Vorerst.”
Dass er die Familie nicht für voll nahm, musste nicht ausgesprochen werden; es war ein offenes Geheimnis, dass er sie in der Tasche hatte und seit Jahren viele Gesetze umging, während er der Fürstenfamilie großzügige… Spenden zukommen ließ. Nichts destotrotz würde er seine finanziellen Mittel gerne in sinnvollere Dinge stecken, und wenn das nun bedeutete, den freundlichen Schein mit Yasirah aufrecht zu erhalten. “Macht es denn so viel Sinn, wenn sie von sich aus sofort neu heiraten würde? Es würde sie wie eine Verräterin darstellen, die den Schein einer guten Ehe nur aufrecht gehalten hat, um an der Macht zu bleiben. Wenn…”
, ließ er seinen Satz erst ausklingen, als würde er einen Gedanken zu fassen versuchen. Keeran starrte in die Flamme der Kerze, mit einer fokussierten Leere im Blick, ohne es wirklich wahrzunehmen. “...wir hingegen warten, bis die Bevölkerung sie nicht mehr als Grund allen Übels sieht, und wenn wir ihr eine kleine nette Geste in Aussicht stellen, vielleicht ist sie dann formbarer. Williger, bei dem kleinen Schauspiel mitzumachen.”
Wieder fasste er Tariq ins Auge. “Ob ihr Lieblingsberater Nein sagen würde, wenn man ihm eine Ehe mit seiner Angebeteten in Aussicht stellt? WIr könnten sie beide im Palast behalten, unter deinen Augen und deiner Kontrolle.”
Kontrolle und Macht, die Tariq so offensichtlich verlangte; bewusst oder nicht.
